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"Im Job war es normal, dass der Chef die Hand auf den Oberschenkel legt" Karin, 58, erzählt

Aktualisiert: 12. Mai


Karin (58) denkt oft zurück an ihre Jugend, als Verwandte schon im jungen Alter Bemerkungen über ihren Körper machten. «Mein Vater fragte mich mit 16 Jahren, ob ich nicht endlich mal loslegen wolle mit einem Freund, ich sei ja schon ziemlich spät dran und das sei nicht normal», sagt sie.


Auch im Job sei es normal gewesen , dass der Chef die Hand auf die Schulter oder sogar auf den Oberschenkel oder das Knie legt. «Ich fühlte mich sehr ausgeliefert, doppelt, weil es entweder Vorgesetzte waren oder Männer, von denen ich eigentlich eine gute Meinung hatte.»

"Mein Vater fragte mich mit 16 Jahren, ob ich nicht endlich mal loslegen wolle mit einem Freund"

Aber auch auf offener Strasse wurde Karin mit Belästigungen und ihren eigenen Ängsten

konfrontiert. So musste sie schon zur Haustüre rennen, als ein Mann sie verfolgte. Ein anderer

überraschte sie und legte auf dem Weg zu einem Tanzanlass plötzlich den Arm um sie und fragte: «Na, wohin gehen wir denn jetzt zusammen?». Er versuchte dann sie in einen Innenhof zu drängen, wo ein Helfer sie glücklicherweise sicher in das Lokal begleiten konnte. «Ich hatte natürlich Angst und fühlte mich sehr ausgeliefert, weil die Männer ja auf jeden Fall mehr Kraft hatten als ich. Ich bin nur 1.60m und wog damals etwa 50kg», sagt Karin rückblickend.


Im Vergleich zu heute, sieht Karin keine grossen Unterschiede in der Kernproblematik. Was sich verändert, ist jedoch, wie man selbst mit diesen Situationen umgeht. "Ich habe mich verändert, dass ich mich zumindest verbal wehre".


"Ich habe mich verändert, dass ich mich zumindest verbal wehre."

Diese Vorkommnisse mit den Vorgesetzten erlebe ich heute natürlich nicht mehr so, weil ich nicht mehr Beute bin. «Ich denke, es ist gut, dass diese Dinge, die wir Frauen erleben müssen, vermehrt angesprochen werden.» Ein Problem sei es, dass viele Männer sich der Problematik nicht bewusst sind. «Wenn ich diese Geschichten erzähl(t)e, dann nicken die Frauen wissend (auch viel ältere als ich) und die Männer staunen oder relativieren und erklären und verharmlosen das. Wahrscheinlich, weil sie sich angegriffen fühlen», sagt Karin.

Genau deshalb sollte man Männern von den Erlebnissen erzählen.

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