• Annick Senn

Geschwister im Interview: So verschieden wurden Livia und Tobi sensibilisiert

Tobi* (Name geändert) und Livia* (Name geändert) sind Geschwister. Sie waren ähnlichen sozialen Faktoren ausgesetzt und wohnten unter einem Dach. Obwohl sie unter vergleichbaren Grundvoraussetzungen gross geworden sind, sahen gewisse Erziehungsmassnahmen anders aus. Wir haben mit Livia und Tobi darüber gesprochen, was es heisst, unter anderen Regeln und Ratschlägen gross zu werden und wie sie heute dazu stehen.



Schriftzug "Familie"


Raum für alle: Habt ihr euch je Gedanken dazu gemacht, dass ihr unter anderen Spielregeln grossgeworden sind?

Tobi: Nein, eigentlich nicht. Für mich fühlte es sich immer einigermassen ausgewogen an. Bis auf ein, zwei Einzelfälle.

Livia: Lange habe ich mir keine Gedanken dazu gemacht, im Teenageralter kam das dann aber langsam hoch, ja.


Raum für alle: Magst du dich an eine bestimme Situation erinnern?

Livia: Ich weiss nicht, ob es tatsächlich die erste Situation war aber ich kann mich gut daran erinnern, dass ich manchmal weinend nach Hause kam, weil mich z.B Jungs in der Schule geärgert haben. Dann habe ich lange mit meiner Mutter darüber gesprochen. An sowas kann ich mich bei Tobi nicht erinnern.

Tobi: Bei mir waren es wenn, dann eher auch Jungs die mich gehänselt haben aber das wurde dann auch meistens anders gelöst.


Raum für alle: Aus heutiger Perspektive: Wo lagen unterschiede Zuhause?

Livia: Das fing schon mit Aufklärungsgesprächen an: Seitdem ich mich erinnern kann wurde mir eingebläut meine Hand schützend auf ein Trinkglas zu legen oder auch bei der sexuellen Aufklärung ging es bei mir eher um Themen, wie ich mich vor möglichen Übergriffen schützen kann und weniger darum, dass es mir auch Spass bereiten kann.

Tobi: Ja das sehe ich aus heutiger Sicht ähnlich, bei Livia waren es eher Präventionsthemen und bei mir wurde die Situation als solches thematisiert: «Verhüte beim ersten Geschlechtsverkehr oder ruf an, wenn du scheisse gebaut hast» an solche Dinge erinnere ich mich mehr. Mir fällt aber gerade auch ein, dass mir schon auch gesagt wurde, ich solle Mädchen abends nach Hause begleiten…


Raum für alle: Hätte dir das geholfen, Livia, wenn dich mehr Jungs nach Hause begleitet hätten?

Livia: Jein. Einerseits hätte ich mich wahrscheinlich schon ein bisschen sicherer gefühlt, andererseits wahrscheinlich auch bevormundet. Schliesslich wollte ich den Heimweg ja alleine bestreiten, oft konnte ich es einfach nicht.


Raum für alle: Was hättet ihr euch mehr gewünscht?

Livia: Ich hätte es gut gefunden, wenn nicht nur ich die Vorträge hätte anhören müssen, auf was ich alles achten muss beim feiern, oder wie ich mich in welchen Situationen zu verhalten habe. Dass das eine Realität ist, ist mir klar, aber man könnte dem anderen Geschlecht auch mehr darüber erzählen.

Tobi: Ich hätte mir schon auch gewünscht, dass man mir mehr erzählt weshalb Frauen eigentlich immer so «getrimmt» werden. Für mich war das einfach so, hinterfragt habe ich das erst als Erwachsener. Ausserdem glaube ich es hätte auch mir gut getan, mehr mit meiner Mutter oder Vater über sensiblere Themen oder Gefühle zu sprechen...


Danke für die Offenheit eure Geschichte zu erzählen.

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