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Fynn sagt aus der Männerperspektive "Ich ziehe meine Kapuze runter, oder wechsle die Strassenseite"

Fynn hat mit uns als Mann über die Herausforderung gesprochen, Verantwortung zu übernehmen.


«Vor Beginn der Pandemie war ich nachts auf dem Heimweg und hab auf der Türschwelle meines Hauses in Zürich eine Freundin völlig aufgelöst vorgefunden. Sie erzählte mir, dass sie sowohl in einem Club von drei Männern belästigt wurde, als auch auf ihrem Heimweg von einem Auto verfolgt wurde.»

«Sie erzählte mir, dass sie sowohl in einem Club von drei Männern belästigt wurde, als auch auf ihrem Heimweg von einem Auto verfolgt wurde.» Das ist nur eine der Erfahrungen, die Fynn (25) mit Belästigung gemacht hat. Die Problematik setzt er nicht nur mit Frauen in Verbindung. Gemeinsam mit der LGBTQIA+ Szene sieht er Frauen definitiv am gefährdetsten, hat jedoch auch schon viel Anfeindungen gegenüber ethnischen sowie religiösen Minderheiten erlebt.


«In Zürich könnte ich mir ebenfalls vorstellen, dass die starke Selbstsegregation, der sich die Jüdisch-Orthodoxe Szene aussetzt, vermutlich auch mit Belästigungserfahrungen zu tun hat.» Auch zum Thema sexuelle Belästigung an Männern, erzählt er spannendes. «Selbstverständlich können bzw. sind auch Männer Opfer von (sexueller) Belästigung und Gewalt betroffen.»


"Selbstverständlich können bzw. sind auch Männer Opfer von (sexueller) Belästigung und Gewalt betroffen."

Von ihm kritisiert werden jedoch Personen, die dahingehend einen Vergleich anstellen, um die Erfahrungen und Folgen sexueller Belästigungen, speziell gegenüber Frauen, versuchen zu relativieren oder in einen Topf zu werfen. «In meinen Augen haben diese Menschen ein echtes Problem», sagt Fynn klar.



Sexuelle Belästigung als Endprodukt?


In unserer Gesellschaft sieht Fynn das Thema sexuelle Belästigung als sehr verbreitet. Doch wie kommt es dazu? «Ich empfinde sexuelle Belästigungen als eine Art Endprodukt einer sehr stark auf maskuline/sexuelle Potenz ausgerichtete Gesellschaft, die nur bedingt fähig ist, andere Erfahrungs- und Bedürfnissphären miteinzubeziehen», erklärt Fynn.


Aber was wäre denn ein guter Lösungsansatz? «Ich persönlich würde mir wahrscheinlich einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel wünschen, der die tieferliegenden gesellschaftlichen Wertesysteme unter die Lupe nimmt und gegebenenfalls hinterfragt.» Damit könne man den Status Quo anfechten, welcher bis dato ausgehend von Wertvorstellungen und vermeintlichen Macht- bzw. Besitzansprüchen - insbesondere bei Tätern - zu einem überwiegenden Anteil der Übergriffe/Belästigungen führe.

«Ansonsten braucht es in meinen Augen das Sensibilisieren/Motivieren der allgemeinen Öffentlichkeit, in Situationen, in denen es gefährlich werden könnte, aufeinander zu schauen und füreinander da zu sein.»


"...in Situationen, in denen es gefährlich werden könnte, aufeinander zu schauen und füreinander da zu sein."

Das mit der Sensibilisierung sei jedoch nicht so einfach. «Ich wurde persönlich (ich nehme an, aufgrund meines Geschlechtes) nicht auf die Problematik sensibilisiert», erinnert sich Fynn. Nur durch seine Schwester und sein eigenes Interesse, hat er später angefangen, sein Wissen zu vertiefen.


Und jetzt, wie weiter?


«Er möchte Situationen vermeiden, in denen er aufgrund seines Verhaltens missverständlicherweise von anderen Personen als Angreifer wahrgenommen werden könnte.


«Ich ziehe meine Kapuze runter, achte auf eine offene Haltung beim Gehen, wechsle die Strassenseite oder stöpsle meine AirPods aus den Ohren, um meine Umgebung besser wahrnehmen zu können und auf allfällig heikle Situationen reagieren zu können», erläutert Fynn weiter. Früher war er der Meinung, dass eine stärkere Polizeipräsenz manche Probleme lösen könnte. Mittlerweile hat er dahingehend jedoch Abstand genommen und sagt: «Die Polizei kann nicht überall sein. Ausserdem ist sie selbst durch ihr Verhalten (und ihr Rollenverständnis) oder allein durch ihre Präsenz, Teil eines Eskalationsmoments.»

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